Odessa ist eine junge Stadt. Zwar gehen die Ursprünge schon auf eine im 11. Jh. zerstörte, 200 Jahre später von Slawen neu errichtete Siedlung zurück, die im 16. Jh. von den Osmanen eingenommen und 1764 zur Festung ausgebaut wurde. Seine Bedeutung als Stadt erlangte der Ort an der Schwarzmeerküste jedoch erst, nachdem er unter der Zarin Katharina 1789 von Russen und Kosaken erobert und 1794 ein Kriegs- und Handelshafen angelegt worden war.
Internationale Handelsmetropole
Im Folgenden spielte der Handel eine bedeutendere Rolle als der Krieg. Unter Gouverneur Richelieu, dem vor der Französischen Revolution geflohenen Nachfahren des bekannten Kardinals, erlebte die Stadt ein rasches Aufblühen zur internationalen Handelsmetropole. Auf den Straßen Odessas hörte man über 20 Sprachen, in den Geschäften wurde überwiegend italienisch gesprochen, die wichtigsten Zeitungen erschienen in französischer Sprache. Alexander Puschkin, der 1823/24 nach Odessa verbannt war, erschien es, dass „man hier ganz Europa atmet“.
Die angesehensten Architekten des Kontinents wurden geholt. Ihre Bauten prägen das Stadtbild bis heute. Als herausragende Beispiele seien hier nur die berühmte, von Boffo und Melnikov entworfene Treppe zum Hafen und die vom Wiener Architektenpaar Helmer/Fellner geplante Oper, die sowohl Premieren von Tschaikowskis Werken als auch Gastspiele Carusos erlebte, genannt. Im Unterschied zu ihren Kollegen in anderen Städten mussten die Odessaer Bauarbeiter keine Ketten tragen, was der Schwarzmeermetropole ihren Ruf als „freieste Stadt im Zarenreich“ eintrug.
Das jüdische Odessa
Einen wichtigen Beitrag zur Stadtentwicklung leisteten Juden. Anfang des 20. Jahrhunderts war Odessa das bedeutendste jüdisch-literarische und zionistische Zentrum im Zarenreich – dafür stehen u.a. die Namen Schabotinski, Pinsker, Dizengoff, Bialik, Alejchem – und beherbergte die nach Warschau größte jüdische Gemeinde. Sowohl im Zuge der Niederschlagung des Generalstreiks 1905, dem sich die Matrosen des Panzerkreuzers Potemkin (sprich: Patjomkin) anschlossen, als auch im Bürgerkrieg, in dem die Stadt 1918–1920 Stützpunkt der „Weißen“ unter General Denikin war, fielen Odessaer Juden Pogromen zum Opfer.
Am Vorabend der deutsch-rumänischen Okkupation lebten 180.000 Juden (40% der Einwohner) in Odessa. Etwa die Hälfte von ihnen flüchtete noch rechtzeitig ostwärts. Fast alle anderen wurden von den Besatzern unter tätiger einheimischer und „volksdeutscher“ Mithilfe in der Stadt oder in den Lagern Transnistriens, zu dessen Hauptstadt Odessa wurde, ermordet. 1959 lebten wieder 102.000 Juden in der Stadt. Angesichts der nivellierenden sowjetischen Politik erlangte das jüdische Kulturleben jedoch nicht wieder seinen Status wie zu Beginn des Jahrhunderts.
Allgemein wurden die Odessiten aufgrund ihres Lokalpatriotismus, der sich mit internationalen Einflüssen mischte – Odessa unterhielt Schiffsverbindungen u.a. mit Barcelona, Piräus und Genua – von der Sowjetmacht misstrauisch beäugt. Seit der Erlangung der Unabhängigkeit der Ukraine ist, bei allen wirtschaftlichen und sozialen Problemen, eine alte neue Buntheit in die Stadt eingezogen. Auch das jüdische Leben erlebt trotz der Auswanderung Vieler mit drei religiösen Gemeinden und zahlreichen weltlichen Institutionen ein Wiederaufblühen. Geblieben ist die Besonderheit der Bewohner der Stadt und ihr Bewusstsein dafür: „Wir sind keine Russen, keine Ukrainer, keine Juden – Odessiten sind wir!“

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