Lemberg wurde 1256 gegründet und entwickelte sich im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit zu einem wichtigen Handelsplatz. Neben polnischen und ruthenischen (ukrainischen) Bewohnern prägten vor allem Deutsche, Juden und Armenier das frühe Bild der Stadt. Die Vielfalt der Bevölkerung spiegelte sich auch im Nebeneinander verschiedener Glaubensgemeinschaften wider. Sowohl die Römisch-Katholische als auch die Unierte und die Armenische Kirche hatten hier einen Bischofssitz.
Viertgrößte Stadt der KuK-Monarchie
1772 fiel Lemberg an das Habsburgerreich, veränderte unter diesem Einfluss grundlegend sein Gesicht, erlebte einen neuen Aufschwung und wurde nach Wien, Budapest und Prag zur viertgrößten Stadt der KuK-Monarchie und zur Hauptstadt des neu geschaffenen „Königreichs Galizien und Lodomerien“. Das Klima der Stadt war einerseits geprägt von kultureller Vielfalt, andererseits verschärften sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts die nationalen Gegensätze, besonders zwischen Ukrainern und Polen.
Polen, Juden, Ukrainer
Dieser Gegensatz war auch ein bestimmender Faktor der Zwischenkriegszeit, in der Lwów wieder Bestandteil des polnischen Staates war. Die Lemberger Juden, die ein Drittel der Einwohnerschaft stellten, bekamen nun auch einen aggressiven Antisemitismus zu spüren. Mit der Eingliederung in die Sowjetukraine (1939–41) gingen Deportationen und Verhaftungen und damit tiefe Einschnitte in das soziale Gefüge der Stadt einher. Während der NS-Besatzung wurde Lemberg zum Schauplatz von Pogromen der örtlichen Bevölkerung und der systematischen Ermordung der Juden durch die Deutschen. Nach Kriegsende geriet die Stadt, die – auch durch die planmäßige „Aussiedlung“ der polnischen Bevölkerung überwiegend in das nach 1945 zu Polen gehörende Breslau – 80% ihrer Vorkriegseinwohnerschaft verloren hatte, in eine europäische Randlage.
Rückkehr nach Europa
In den 1980er Jahren bestätigte Galizien seinen Ruf als „ukrainisches Piemont“, L’viv wurde zur „heimlichen politischen Hauptstadt der Ukraine“, wichtige Impulse zur Erlangung der Unabhängigkeit gingen von hier aus. Den ukrainischen Juden ermöglichte die Perestrojka zum einen die Emigration aus den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen, zum anderen das Wiederanknüpfen an die von den Nazis zerstörte und von den Sowjets tabuisierte Tradition. Es entstand wieder jüdisches religiöses und kulturelles Leben in Lemberg.
In den letzten Jahren hat sich viel getan. Viele Gebäude der Innenstadt erstrahlen in renoviertem Glanz (wenn auch oft nur die Fassaden), zahlreiche neu eröffnete Cafés und Restaurants vertreiben die sowjetische Tristesse und laden zum Verweilen ein. Ohne Übertreibung kann man das heutige Lemberg als „unentdeckte Perle“ bezeichnen, das einen Vergleich mit der Schönheit Krakaus nicht zu scheuen braucht, angesichts der noch relativ geringen Anwesenheit westlicher Touristen eher noch sympathischer und „ursprünglicher“ wirkt. Trotz aller schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Probleme, die neben der Schönheit der Stadt auch sichtbar sind, ist besonders unter jüngeren Lembergerinnen und Lembergern eine Aufbruchstimmung zu spüren. Sie engagieren sich in verschiedenen politischen und kulturellen Initiativen, in ukrainisch-westeuropäischen Kooperationsprojekten, in dem nicht einfachen Bestreben, eine Bürgergesellschaft aufzubauen, mit dem Wunsch und Bewusstsein zu Europa zu gehören. Das Brüsseler Europa steht diesem Wunsch, der während der Orangen Revolution noch einmal deutlich unterstrichen wurde, eher reserviert gegenüber.

Uhrzeit Lemberg