Im Laufe der letzten drei Jahrtausende war die Krim, denkt man in modernen nationalen Kategorien, die damals keine Rolle spielten, kimmerisch, skythisch, griechisch, sarmatisch, römisch, byzantinisch, gotisch, hunnisch, chasarisch, kiptschakisch, mongolisch-tatarisch, venezianisch, genuesisch, osmanisch. Die Krim, deren Name sich vermutlich vom mongolisch-tatarischen „Kerim“ (Festung) ableitet, hat keine „Eingeborenen“. Die verschiedenen Völker, neben den Herrschaftsträgern u.a. auch Juden, Karäer, Krimtschaken, Armenier, Deutsche, Franzosen, blieben kürzer oder länger (die Skythen fast 1000 Jahre), blieben unter sich oder vermischten sich, bekämpften oder befruchteten sich, trieben Handel an der Küste, Viehzucht und Ackerbau in der Steppe und den fruchtbaren Gebirgstälern. Die Halbinsel im Schwarzen Meer gehörte „jedem und niemandem“ (Neal Ascherson).
Erst Katharina II. deklarierte die Krim, nachdem sie 1783 von Russland annektiert worden war, „von nun an und für alle Zeiten“ für russisch. Bis sie 1954 aus politischen Gründen, zum dreihundertjährigen Jubiläum der russisch-ukrainischen „Wiedervereinigung“, die aus ukrainischer Sicht eher eine Unterwerfung war, von Nikita Chruschtschow „für alle Zeit“ an die Ukraine übergeben wurde.
An vielen Orten finden sich noch heute Zeugnisse der Vielvölkervergangenheit. Auf unserer Reise sehen wir u. a. Chersones (422 v. Chr. als griechische Kolonie gegründet, später größte Handelsstadt des Byzantinischen Reiches am Schwarzen Meer, 988 mutmaßlicher Ort der Taufe des Großfürsten Volodymyr, der damit das Christentum zur offiziellen Religion der Kiewer Rus’ machte), Bachtschissaraj (alte Hauptstadt der Krimtataren), Chufut-Kale (ab dem 6. Jh. angelegte Höhlenstadt, Rückzugsort des letzten Führers der Goldenen Horde, Siedlungsort der Karäer), Feodosija (2500 Jahre alte griechische Gründung, unter osmanischer Herrschaft größter Sklavenmarkt Europas), Balaklava und Sudak (mittelalterliche Genueser Festung), Sevastopol (das gesamte Zentrum ist ein einziges Freilichtmuseum der russischen Geschichte der letzten 200 Jahre).
Wo Zaren Urlaub machten
Im 19. Jh. ließen sich die Zarenfamilie und russischer Hochadel an der Südküste der Krim Sommerresidenzen errichten, die Rolle der Halbinsel als Urlaubs- und Erholungsort begann, Jalta wurde zur modernen Sommerfrische, Koktebel zum Künstlertreff. Bedeutende Schriftsteller, Schauspieler und Maler sowie die „Reichen und Schönen“ verbrachten die Sommermonate am Schwarzmeerstrand, manche – wie Anton Tschechow, der aus gesundheitlichen Gründen auf das wohltuende Klima angewiesen war – ließen sich nieder. In der sowjetischen Zeit erfüllte die Krim die Funktion eines „Allunionssanatoriums“ mit bis zu 10 Millionen Saisongästen.
Am Vorabend der deutschen Besatzung lebten auf der Krim 78.000 Juden, 7.000 Krimtschaken und 5.000 Karäer (die beiden letztgenannten Völker waren kulturell an die Tataren assimiliert, die Krimtschaken lebten religiös nach Thora und Talmud, die Karäer, deren wichtigstes Siedlungsgebiet innerhalb der Sowjetunion die Krim war, ausschließlich nach der Thora). Vielen gelang es noch rechtzeitig ostwärts zu fliehen. Nachdem die Halbinsel im November 1941 – unter Ausnahme Sevastopols, das der Belagerung bis zum Juli 1942 standhielt – von den Deutschen eingenommen war, ermordete die Einsatzgruppe D mit tatkräftiger Unterstützung durch die Wehrmacht 34.000 Juden und 6.000 Krimtschaken. In der „Klassifizierung“ der Karäer waren sich die Nazis unsicher. In Kiew-Babi Jar wurden 200 ermordet, die Krimkaräer blieben, als „sowjetfeindliches Turkvolk“ eingestuft, verschont. Aus der früheren Anwesenheit der Goten leiteten die Nazis den germanischen Ursprung und Charakter der Krim ab. Nach gewonnenem Krieg sollten alle Minderheiten aus-, Volksdeutsche und Südtiroler angesiedelt, die Halbinsel in „Neugotland“ umbenannt und durch eine Reichsautobahn mit Berlin verbunden werden.
Nach der Rückeroberung durch die Rote Armee im Frühling 1944 wurden 210.000 Krimtataren, 25% der damaligen Krimbevölkerung, unter dem Vorwurf der Kollaboration nach Mittelasien „umgesiedelt“ – die Hälfte überlebte diese Deportation nicht – und unter Ausnahme des Khanspalastes in Bachtschissaraj alle krimtatarischen Kulturdenkmäler zerstört. Erst Ende der 1980er Jahre gestattete man die Rückkehr. Heute leben wieder 250.000 Krimtataren auf der Krim, sie stellen damit einen Bevölkerungsanteil von 10%. Vor der russischen Annexion 1783 hatte er 90% betragen.
Sexuelles Verlangen nach der Schwarzmeerriviera
Die beiden größten ethnischen Gruppen sind heute Russen (60%) und Ukrainer (25%). Zwischen 1992 und 1995 kam es zu scharfen Konflikten zwischen der Ukraine und Russland sowie zwischen der lokalen Regierung in Simferopol und der Zentralmacht in Kiew. Neben der Schwarzmeerflotte ging es dabei um die Staatszugehörigkeit der Halbinsel. Durch den russisch-ukrainischen Freundschaftsvertrag von 1997 konnte dieser Konflikt erheblich entschärft werden, wenn auch das wechselseitige Verhältnis nach wie vor nicht spannungsfrei verläuft.
Angesichts der wirtschaftlichen Oligarcheninteressen, die den Konflikt unter der Oberfläche prägen, erscheint es naiv, daran zu erinnern, dass „die Krim, deren Schönheit ein fast sexuelles Besitzverlangen bei allen ihren Besuchern auslöst“ (Ascherson), mit ihren weinbestandenen Tälern und den Küstenstreifen mit fast subtropischer Vegetation, einer „Art Riviera, aber grüner, üppiger, unverbauter“ (Weltwoche), Bestandteil des ukrainischen Staates ist und bleiben sollte, eigentlich aber „keinem und jedem gehört“.

Uhrzeit Sevastopol