Der Sage nach wurde die auf einem Hügel oberhalb des Dnipro (russ.: Dnjepr) wunderbar gelegene Stadt im 5. Jh. vom Fürsten Kyj und seinen drei jüngeren Geschwistern gegründet. Belegbarer wird die Geschichte der ursprünglich drei Siedlungen "Podil" (Handelszentrum), "Oberstadt" (Verwaltungszentrum) und "Petschersk" (geistliches Zentrum) im 9. Jh. In dieser Zeit entstand das Kiewer Reich, die Kiewer Rus'.
"Rus'" heißt nicht "Russland"
Basis der Rus' war der Zusammenschluss ostslawischer Stammesverbände, die sich erst im Lauf der weiteren Jahrhunderte in Ukrainer, Weißrussen und Russen mit je eigenen Sprachen ausdifferenzierten. Seinen Namen erhielt das Reich von den Warägern, normannischen Kriegern und Kaufleuten aus Skandinavien. Bis heute streiten sich ukrainische und russische Historiker darüber, ob die Rus' ein ukrainischer oder russischer Staat gewesen sei, ein Streit weniger geschichtswissenschaftlicher als vielmehr politischer Natur. Zwar bestehen Kontinuitätslinien in beide heutige Staaten (dabei stärkere in die Ukraine), jedoch war die Rus' – abgesehen davon, dass in dem Streit mit modernen nationalen Denkkategorien operiert wird, die dem Mittelalter fremd waren, tatsächlich weder "russisch" noch "ukrainisch", sondern ostslawisch.
Sein Goldenes Zeitalter erlebte das Reich im 11. Jahrhundert unter den Fürsten Volodymyr (russ.: Vladimir), der 988 das byzantinische Christentum für die Rus' übernommen hatte (oft falsch als "Taufe Russlands" tituliert), und Jaroslav dem Weisen (1036–54). Von dieser Zeit, in der Kiew mit 40.000 Einwohnern zu den größten Städten Europas gehört, zeugen heute noch das Höhlenkloster und die Sophienkathedrale.
Im Laufe des 12. Jh. wurde die Macht des Reiches schwächer, 1240 fiel ein Großteil der Rus' für fast ein Jahrhundert unter mongolische Herrschaft. Danach etablierten sich für 300 Jahre zunächst litauische, dann litauisch-polnische Herrschaftsträger in Kiew. In dieser Periode wurde den größeren Städten der Ukraine das Magdeburger Recht verliehen, Kiew Ende des 15. Jh.
Gegen die Polonisierungsmaßnahmen und soziale Ungerechtigkeiten der polnischen Adelsherrschaft richtete sich 1648 der Kosakenaufstand unter Bohdan Chmelnyckyj, der sich rasch zu einer ukrainischen Volkserhebung ausweitete. Diesem Aufstand fielen viele Juden, die aufgrund ihrer besonderen Position als Verwalter, Pächter und Steuereinzieher der polnischen Magnaten die greifbarsten Repräsentanten des Adelssystems waren, gegen die sich darüber hinaus religiös motivierter Antisemitismus richtete, zum Opfer (die Schätzungen schwanken zwischen 10.000 und 200.000). Da sich das Polnisch-Litauische Königreich als zu mächtig erwies, entschloss sich Chmelnyckyj 1654 zu einem Bündnis mit dem russischen Zaren. Die Adelsrepublik wurde geschlagen, Kiew kam unter russische Herrschaft, die sich nach den Teilungen Polens Ende des 18. Jh. noch weiter westwärts ausdehnte. Die Polonisierungs- wurde durch eine Russifizierungspolitik abgelöst.
Langer Kampf um Unabhängigkeit
Dagegen richtete sich ab dem 19. Jh. die neu entstandene ukrainische Nationalbewegung, deren große Symbolfigur der Dichter und Maler Taras Schewtschenko wurde. Nach "Oktoberrevolution" und 1. Weltkrieg gab es verschiedene Versuche zur Etablierung eines ukrainischen Nationalstaates. Keine der Varianten konnte sich längere Zeit halten. Ab 1920 gehörte der größte Teil der Ukraine zur Sowjetunion, die die zaristische Russifizierungspolitik ab den 30er Jahren fortsetzte. Das größte Trauma unter den Ukrainern verursachte – noch vor Zwangskollektivierung, "Dekulakisierung" und "Säuberungen" – die politisch verursachte Hungersnot, der 1932/33 zwischen vier und sechs Millionen Ukrainer zum Opfer fielen.
Seit den Anfängen Kiews lebten auch Juden in der Stadt, vor allem im Stadtteil Podil. Bis ins 19. Jh. hinein wurde ihnen das Aufenthaltsrecht mehrmals entzogen und wieder gewährt. Trotz der durch die Pogrome von 1881, 1905, 1911 und 1919 verursachten Auswanderungswellen wuchs die jüdische Bevölkerung Kiews seit dem letzten Drittel des 19. Jh. kontinuierlich von 14.000 (1872) auf 160.000 (1941). 100.000 flohen vor der Einnahme der Stadt durch die Wehrmacht (19.9.41) ostwärts. Die Zurückgebliebenen wurden fast ausnahmslos ermordet. In der Schlucht Babi Jar am Stadtrand erschossen die Deutschen 100.000 Juden, "Zigeuner" und sowjetische Kriegsgefangene, dem größten Massaker fielen am 29./30. September 1941 33.771 Juden zum Opfer. Hunderttausende Ukrainer wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt.
1991 hat sich für viele Ukrainer ein jahrhundertealter Traum erfüllt. Kiew ist die Hauptstadt eines unabhängigen ukrainischen Staates. Die 150.000 Kiewer Juden werden nicht mehr durch den staatlichen Antisemitismus der Sowjetunion benachteiligt, es entstand in den letzten 15 Jahren wieder religiöses und kulturelles jüdisches Leben. Wirtschaftlich haben sie es eben so schwer wie ihre nichtjüdischen Landsleute, was nicht wenige zur Auswanderung veranlasst hat. Viele junge Ukrainer sehen in den neuen Verhältnissen große Chancen und ziehen in die "Boomtown" Kiew mit ihrem lebendigen Kulturleben und den Arbeitsmöglichkeiten bei westlichen und einheimischen Unternehmen. Im Dezember 2004 demonstrierten Junge und Alte in Orange auf dem "Majdan" gegen die Wahlfälschungen der alten Machthaber und für die unumkehrbare Etablierung demokratischer Verhältnisse.

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