Podolien-Wolhynien: Kosakisch - Chassidisch - Adlig

Ternopil/Tarnopol, Sbarasch, Kremenez, Medschybisch, Scharhorod, Mohyliw Podilskyj, Tultschyn, Brazlaw, Uman, Schytomyr, Berdytschiw

„Deutsche Reiseleitung: Sehr einfühlsame Erläuterung der überaus komplexen historisch-politischen Situation. Lokale Reiseleitung: Im Bus: wunderbare rollende Volkshochschule.“ (Klaus Gerz, Juli 2010)

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Termine:
  • 30.3.-8.4.12  buchen
Preis:
  • Reisepreis: € 990,-
  • Rabatt: bei eigener Anreise bis Krakau: € 40,- (Zusteigemöglichkeit am 2. Reisetag gegen 7 Uhr in Krakau)
Kombinierbar mit: Landkarte der Reise anschauen

Eine Reise zu den Geburtsstätten des Chassidismus und zu Schauplätzen kosakisch-ukrainischer und polnischer Geschichte. Das jüdische Schtetlleben, das Verhältnis zwischen polnischen Adligen und aufständischen Kosaken, das Verhungernlassen von Millionen ukrainischer Bauern in den 1930ern die Zerstörung des jüdischen Lebens durch die Nazis, die Lage der ländlichen Ukraine im seit 20 Jahren unabhängigen Staat sind Themen dieser besonderen Reise.

Eine Reise durch die ländliche Ukraine

Wolhynien und Podolien sind die östlichen Nachbarregionen Galiziens und der Bukowina, für Ukrainer, Polen und Juden Gebiete von großer historischer Bedeutung. Jedes der drei Völker hat seinen eigenen spezifischen Blick auf die Vergangenheit. Die jeweils Anderen werden dabei, wenn überhaupt, überwiegend als Gegner wahrgenommen, das Leid und die Handlungsmotivationen der Gegenseite(n) weitgehend ausgeblendet.
Bis ins frühe 14. Jh. gehörte das Gebiet zur Kiewer Rus', der gemeinsamen "Vorläuferin" der ostslawischen Staaten. Sein Ende fand dieses einstmals mächtige Staatengebilde durch die "mongolisch-tatarischen Horden". Als Herrschaftsträger wurden die "Tataro-Mongolen" in Wolhynien und Podolien bald durch das Polnisch-Litauische Königreich abgelöst, das, unterbrochen von einem türkischen Zwischenspiel in Podolien im 17. Jh., bis zu den Teilungen Polens Ende des 18. Jh. bestimmend blieb. Abgesehen von Ternopil, das zum österreichischen Galizien kam, geriet das von uns bereiste Gebiet dann bis zum 1. Weltkrieg unter die Herrschaft des zaristischen Russland. Galizien sowie die westlichen Teile Wolhyniens und Podoliens wurden 1918 Bestandteile des wieder erstandenen polnischen Staates, die größeren östlichen Landesteile fanden sich in der Sowjetunion wieder. Nach der zweijährigen sowjetischen Besatzung Ostpolens tobte ab 1941 der deutsche Vernichtungskrieg durch die Region. Ein Teil Podoliens wurde bis zur Wiedereroberung durch die Rote Armee Bestandteil "Transnistriens" (Gebiet zwischen den Flüssen Dnister/Dnjestr und Südlicher Bug), das Hitler Rumänien als Belohnung für die Kriegsteilnahme zugesprochen hatte. Seit 1945 gehörten Wolhynien und Podolien in Gänze sowie der östliche Teil Galiziens zur Sowjetukraine, die sich 1991 zum unabhängigen Staat erklärt hat.

Die polnische Perspektive: Alter Glanz der verlorenen Ostgebiete
Für viele Polen gehören Wolhynien und Podolien zu einer glanzvollen Vergangenheit, in der das Polnisch-Litauische Königreich der größte Flächenstaat Europas war. An der Jahrhunderte währenden Beherrschung der Gebiete waren die bedeutendsten polnischen Adelsfamilien beteiligt. Davon zeugen an zahlreichen Orten die Überreste einst prachtvoller Schlösser und Burgen, u.a. in Sbarasch, Ternopil (poln. Tarnopol), Kremenez (Krzemieniec) und Medschybisch (Międzybóż).
Die Ukrainer wurden von den meisten Polen als kulturloses Bauernvolk angesehen, die ukrainischen Kosaken waren zur Sicherung der nach Osten offenen Grenzen nützlich. Im Zentrum der polnischen Erinnerung an den ukrainischen Aufstand unter Anführung Bohdan Chmelnyckyjs 1648 steht die Brutalität der Aufständischen und die "heldenhafte" Verteidigung diverser Stellungen wie bspw. der Festung Sbarasch. Letztere wurde vom polnischen Literaturnobelpreisträger Henryk-Quo-Vadis-Sienkiewicz in seinem Epos "Mit Feuer und Schwert" ausführlich beschrieben, die Verfilmung des Stoffes durch den polnischen Regisseur Jerzy Hofman wurde in den 1990er Jahren zum Kassenschlager in Polen. Die Politik des polnischen Zwischenkriegsstaates gegenüber seinen beiden größten Minderheiten, der ukrainischen und jüdischen, war alles andere als freundlich, auch wenn sich deren Lage weit weniger katastrophal darstellte als in den sowjetisch gewordenen Teilen Wolhyniens und Podoliens. Der Hass auf die herablassende Behandlung entlud sich 1943 in Massakern ukrainischer Untergrundkämpfer an der polnischen Zivilbevölkerung in Wolhynien. Sie wurden von polnischer Seite ebenso brutal vergolten.

Die ukrainische Perspektive: Fremdherrschaft und Hungerkatastrophe
Ukrainer sehen dieselbe Geschichte sehr anders. Der Aufstand von 1648 war demnach die legitime Gegenwehr gegen die national repressive und sozial ungerechte Politik der polnischen "Herren" und stellte den Versuch der (Wieder-)Errichtung eines selbstständigen ukrainischen Staates dar. Dementsprechend sind im ukrainischen historischen Gedächtnis die Orte präsenter, an denen Siege gegen die polnisch-litauischen Truppen errungen wurden, bspw. Kremenez und Sboriw bei Ternopil. Fast vollständig ausgeblendet bleibt dabei, dass dem Aufstand auch sehr viele Juden zum Opfer fielen. Sie waren aufgrund ihrer spezifischen Position in der Adelsrepublik als Verwalter, Pächter und Steuereinzieher der polnischen Magnaten die greifbarsten Repräsentanten des unterdrückerischen Regimes. Nach den Teilungen Polens litten die Ukrainer im zaristisch-russisch gewordenen Wolhynien und Podolien unter der Russifizierungspolitik und dem Verbot alles Ukrainischen. Die größte Katastrophe der ukrainischen Geschichte spielte sich in den Jahren 1932/33 in Gestalt der politisch von Stalin gesteuerten Hungersnot ab, der mehrere Millionen Ukrainer zum Opfer fielen. Das ukrainisch-jüdische Verhältnis ist stark verbesserungsfähig. Viele Ukrainer sehen in "den Juden" lediglich Kollaborateure des polnischen Adels und der Sowjetmacht. Kaum wahrgenommen wird das jüdische Leid im zaristischen Russland, Zwischenkriegspolen und auch unter der Sowjetmacht.

Die jüdische Perspektive: Chassidismus, Pogrome, Holocaust
In einigen Städten des von uns bereisten Gebiets stellten Juden über lange Zeit die stärkste Bevölkerungsgruppe, bspw. in Ternopil, Kremenez, Medschybisch (1930er: 65%), Scharhorod, Mohyliw-Podilskyj (1917: 60%) oder Berdytschiw (1917: 80%). Viele Juden sehen in den Massakern im Zuge des Chmelnyckyj-Aufstands die größte jüdische Katastrophe vor der Shoah. In Folge der weit verbreiteten Depression und der Unfähigkeit der in Hierarchien erstarrten jüdischen Orthodoxie befriedigende Antworten zu geben, entstand im 18. Jh. eine religiöse Erneuerungsbewegung: der Chassidismus. "Gründervater" war Israel ben Elieser, genannt Baal Schem Tow. Er wirkte und starb in Medschybisch. Der Chassidismus verbreitete sich rasch in weiten Teilen Osteuropas. Dazu trugen neben vielen anderen Rabbi Nachman von Brazlaw und Levi Isaac von Berdytschiw bei. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jh. fanden die Haskala (jüdische Aufklärung), der Zionismus und die revolutionäre politische Bewegung zunehmend Anhänger unter den Juden der Ukraine. Viele Juden, aber auch Ukrainer und Polen, emigrierten aus den schwierigen Lebensbedingungen in die USA.
Auf die Drangsalierungen und Deportationen durch die Sowjetmacht, denen auch Ukrainer und Polen zum Opfer fielen, folgten allerorten die Deportationen und Massenerschießungen durch die Deutschen. Im rumänischen Besatzungsgebiet Transnistrien (Mohyliw, Scharhorod, Tultschyn) fielen viele Juden Krankheiten und Hunger zum Opfer.
Nach dem Ende der Sowjetunion und ihres spezifischen Antisemitismus' entstand mancherorts wieder jüdisches religiöses und kulturelles Leben, andererseits sind seither viele aus den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen nach Israel, Deutschland und in die USA emigriert. Auch das jüdisch-ukrainische Verhältnis ist stark verbesserungsfähig. Viele Juden sehen in "den Ukrainern" lediglich Antisemiten und Kollaborateure der deutschen Besatzer. Kaum wahrgenommen wird das ukrainische Leid unter der zaristischen, polnischen und sowjetischen Herrschaft und die Tatsache, dass auch Ukrainer gegen die Nazis gekämpft haben.

Unsere Reise unternimmt den Versuch, die verschiedenen Perspektiven zu einem Gesamtbild zusammen zu fügen. Wir bewegen uns durch malerische Landschaften eines überwiegend landwirtschaftlich geprägten Raumes. Dabei befassen wir uns auch mit der Lebenssituation der Menschen in der ländlichen Ukraine.

Vorgesehenes Reiseprogramm

    1. Tag
    • Abfahrt ab Berlin nach Posen (ca. 17.00 Uhr), Gelegenheit zu einer Stippvisite des schönen Marktplatzes
    • Weiterfahrt mit dem Nachtzug nach Przemyśl (ca. 22.45 Uhr)
    2. Tag
    • Ankunft in Przemyśl (ca. 11.00 Uhr), Weiterfahrt mit dem Reisebus
    • Zwischenstopp beim Kosakenmuseum in Sboriw
    • Ankunft in Ternopil (ca. 19.00 Uhr)
    3. Tag
    • Rundgang durch Ternopil mit Informationen zur Stadtgeschichte. Polen, Juden, Ukrainer
    • Halbtagesexkursion nach Sbarasch (Schauplatz polnisch-ukrainischer Kämpfe 1648, jüdischer Friedhof) und Kremenez ("among Ukraine's sweetest towns" [Lonely Planet], Burgruine, Kosakenfriedhof, Jesuitenkirche, jüdischer Friedhof aus dem 14. Jh.)
    4. Tag
    • Fahrt nach Mohyliw Podilskyj (Grenzstadt zu Moldawien am Dnister, ehem. Vielvölkerstadt, im 2. Weltkrieg wichtigste Durchgangsstation nach Transnistrien)
    • Unterwegs Aufenthalt in Medschybisch(Grab des Baal Schem Tow, Überreste der Festung)
    5. Tag
    • Besuch des Museums für die Opfer des Nazismus in Mohyliw
    • Halbtagesexkursion nach Scharhorod (malerisch gelegenes ehem. Schtetl, Synagoge aus dem 16. Jh., jüdisches Museum)
    6. Tag
    • Fahrt nach Uman
    • Unterwegs Stationen in Petschora am Südlichen Bug (ehem. KZ), in Tultschyn (Potocki-Palais, jüdischer Friedhof), Brazlaw (Wirkungsstätte von Rabbi Nachman)
    • In Uman: Grab Rabbi Nachmans, 1994 (!) errichtete Synagoge mit 2.000 Plätzen für Pilger aus aller Welt
    7. Tag
    • Geführter Spaziergang durch den wunderschönen Sophien-Landschaftspark
    • Fahrt nach Schytomyr (einst große jüdische Stadt, die jüdischen Gemeinden der Westukraine unterstehen heute dem Schytomyrer Rabbiner)
    8. Tag
    • Stadtführung durch Schytomyr
    • Halbtagesexkursion nach Berdytschiw, das "Jerusalem Wolhyniens", Hochzeitsort Balzacs, Drehort des Films "Die Kommissarin"
    • Informationsgespräch beim jüdischen Hilfsfond "Chessed"
    • Spaziergang durch Berdytschiw (Karmeliterinnenkloster, Grab des Zaddiks Levi Isaac, Synagoge)
    9. Tag
    • Transfer nach Korosten
    • Abfahrt mit dem Zug nach Berlin (ca. 11.30 Uhr)
    10. Tag
    • Ankunft in Berlin (ca. 8.30 Uhr)


    (Die Zwischenaufenthalte sowie die An- und Abreisezeiten per Bahn können sich aufgrund von Fahrplanaktualisierungen noch verändern)

Kosten und Leistungen

  • Reisepreis: € 990,-
  • Rabatt: bei eigener Anreise bis Krakau: € 40,- (Zusteigemöglichkeit am 2. Reisetag gegen 7 Uhr in Krakau)

Im Preis enthalten sind:

  • Vorbereitungsmaterialien
  • Bahnreise Berlin–Posen (EC, 2. Klasse)
  • Bahnreise Posen–Przemyśl/Korosten–Berlin im Schlafwagen (3-Bett-Abteil)
  • Alle Busfahrten ab Przemyśl bis Korosten
  • Übernachtungen im DZ mit Bad/WC in einfachen Mittelklassehotels in Ternopil (2), Mohyliw-Podilskyj (2), Uman (1) Schytomyr (2)
  • Halbpension (7 Tage)
  • Komplette Programmkosten, Eintrittsgelder und Reiseleitung (EOL und ukrainische Reiseleitung)
  • Sicherungsschein


Zusätzliche Kosten (fakultativ):

  • Einzelzimmerzuschlag: € 110,–
  • Schlafwagen Posen-Przemyśl/Korosten-Berlin im 2-Bett-Abteil: € 50,-



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